Weil der wichtige Begriff der „ganzheitlichen“ Medizin oft falsch verstanden und esoterisch mißinterpretiert wird, will ich hier seinen Inhalt präzisieren. Nomen est Omen; Worte schaffen Realität. Menschen und ihre Krankheiten sind pathophysiologisch - wenn überhaupt - nur über wechselwirkende Interaktionen und Synergien verständlich. Lebewesen sind nach außen offene Systeme mit gleichzeitig determinierten und chaotischen Reaktionsparametern, und Lebensäußerungen stellen Interferenzprodukte zwischen immanenten Determinanten und externen Impulsen dar. Die Offenheit nach außen und die Wechselwirkung endogener und exogener Parameter sind von zentraler Bedeutung, wenn man über „ganzheitliche“ und „biologische“ Medizin spricht. Ohne strukturanalytische Betrachtung beider Seiten, der endogenen und exogenen Faktoren, kann die Medizin einen Patienten weder pathophysiologisch adäquat verstehen noch zielgerichtet therapieren.
„Biologische“ Medizin ist ein Anfang in die richtige Richtung, aber eben nur das. Sie ist ein Übergangsstadium von symptomorientierter Medizin zum Verständnis und zur Behandlung eines krank gewordenen Menschen, dessen Symptome ein Ausdruck gestörter Regulationsfähigkeit sind. „Biologische“ Medizin geht mit dem Konzept des Milieus, der materiellen und biochemischen Aspekte der Regulation, den Störfeldaspekten und der Immunologie bereits weit über die Schulmedizin hinaus. „Biologische“ Medizin ist ein Teil ganzheitlicher Medizin. Ein ganzheitlicher Therapeut arbeitet qua definitionem auch biologisch. Umgekehrt trifft dies auf einen Behandler, der „biologische Medizin“ praktiziert, eben nicht zu, deshalb negiert er ja auch das Attribut Ganzheitlichkeit.
„Ganzheitliche“ Medizin integriert über die materiellen und mileubezogenen Komponenten der biologischen Medizin hinaus die mentalen, informativen, physikalischen, psychischen, energetischen und konstitutionellen Parameter. Sie bemüht sich darum, einem kranken Individuum Impulse für eine neue Form von Integrität zwischen sich und der Umwelt zu geben, dessen Krankheit durch den ganzheitsmedizinischen Therapeuten als Desintegrität der geistigen - informativen - konstitutionellen - psychischen - sozialen - physikalischen - toxischen - störfeldbezogenen - milieubedingten - biochemischen und körperlichen Komponenten verstanden wird.
Diese Kriterien sind sind integrale Bestandteile des
Verständnisses und der Praxis ganzheitlicher Medizin. Sie. Je eher Ärzte sich
befleißigen und darin reifen, diese Anteile pathologischen Geschehens in ihr
Konzept zu integrieren, desto „ganzheitlicher“ denken und handeln sie, und
desto wirksamer können sie ihre Patienten behandeln.
1.7.01 © Dr. med. Karl Braun-von Gladiß
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