Krankheitsbegriff, Gesundheit, Therapie und Kompetenz
Dr. med. Karl Braun-von Gladiß
Vorbemerkung: In der ganzheitlichen Medizin sieht man das Therapieziel in der Wiederherstellung gestörter Ordnung, also darin, daß der Organismus die durch äußere Reize eingetretene Störung ausgleichen kann. Ordnungstherapie kann man aber nicht praktizieren, ohne eine eigene innere Ordnung in sich geschaffen zu haben und täglich zu erhalten. Damit ist nicht gemeint, daß es ohne aufgeräumten Schreibtisch nicht gehe, sondern daß jeder Therapeut die Beziehungen zwischen seiner inneren Welt, seiner Haltung im Leben und im Berufsalltag in Übereinstimmung bringt.
Symptome gelten als spezifische Antwort des Systems auf einen Reiz; es handelt sich in der Regel um eine sinnvolle Erscheinung, die man nicht beseitigen sollte. Fieber und Infektzeichen sind dafür typische Beispiele.
Menschen und ihre Krankheiten sind pathophysiologisch - wenn überhaupt - nur über wechselwirkende Interaktionen und Synergien verständlich. Lebewesen sind nach außen offene Systeme mit gleichzeitig determinierten und chaotischen Reaktionsparametern, und Lebensäußerungen stellen Interferenzprodukte zwischen immanenten Determinanten und externen Impulsen dar. Die Offenheit nach außen und die Wechselwirkung endogener und exogener Parameter sind von zentraler Bedeutung, wenn man über „ganzheitliche“ und „biologische“ Medizin spricht. Ohne strukturanalytische Betrachtung beider Seiten, der endogenen und exogenen Faktoren, kann die Medizin einen Patienten weder pathophysiologisch adäquat verstehen noch zielgerichtet therapieren.
Krankheit ist der Zustand von Desintegrität der verschiedenen wechselwirkenden Komponenten eines Individuums, nämlich den geistigen - informativen - konstitutionellen - psychischen - sozialen - physikalischen - toxischen - störfeldbezogenen - milieubedingten - biochemischen und körperlichen. Krankheit stellt eine Form von Dekompensation systemimmanter selbst-regulierender Wechselwirkungen des Organismus dar; somit ist sie auch der Ausdruck einer gestörten Regulationsfähigkeit des biologischen Systems. Sie ist nicht eine zufällige und häufig als idiopathisch bezeichnete Abweichung von einer starren anatomischen, biochemischen und psychodynamischen Norm, sondern eine Störung der Regulation eines komplexen Systems. Die Symptomatik dieser Regulationsstörung kann relativ beliebig und variationsreich sein.
Gesundheit wird durch die Fähigkeit des Organismus aufrecht erhalten, die Einflüsse von schädigenden Agentien ausgleichen zu können (Kompensationsfähigkeit), und nicht durch die Abwesenheit schädlicher Reize. Im Umkehrschluß zum o.g. Krankheitsbegriff ist Gesundheit der Zustand von Integrität der körperlich-seelisch-geistig-sozialen-und umweltbezogenen Beziehungen einer sich als Ich begreifenden Person in ihren Bindungen nach innen und außen.
Ziel der Therapie ist daher die Regeneration des Kompensationsvermögens und der dem Organismus zur Verfügung stehenden Energien. In lebenden Systemen hängt dieses vom Funktionieren unterschiedlicher und miteinander vernetzter Regelkreise ab. Es kommt daher oft nicht auf die andauernde Bekämpfung einer auslösenden Noxe an, sondern auf die Regeneration der “natürlichen Selbstheilungskräfte”. Dabei handelt es sich um die Aktivierung von wechselwirkenden Rückkoppelungs-Kaskaden, die dem System als gelernte und vererbte Muster innewohnen. Eine Behandlung ist dann als „ganzheitlich“ zu bezeichnen, wenn sie auf die Restitution physiologischer Regulationsprozesse abzielt, zu denen materielle und immaterielle Parameter gleichrangig gehören. Eine solche Regulationstherapie impliziert immer einen Wandlungsprozess auf körperlicher und nicht-körperlicher Ebene, der dem krank gewordenen Individuum eine Entwicklung aus pathogenen Zusammenhängen heraus zu einem höheren Maß an Integrität und Entscheidungsfähigkeit ermöglicht. Ganzheitliche Therapie ist ein Ausdruck der Persönlichkeit des Therapeuten. Die Wahl der Methode und die Art der Durchführung ist letztlich auch ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit.
Kompetenz: Die besonderen, dezidiert subjektiv orientierten Behandlungsverfahrenen benötigen, wenn ihre Heilmöglichkeiten wirklich entfaltet werden sollen, ein hohes Maß an Wissen über die spezielle Methode (Kognition), längerfristige Erfahrung im Umgang mit dieser Technik (Empirie), ein hohes Maß an Gespür, wann welcher Schalter wie zu betätigen ist (Intuition) und eine spezielle Lust und Freude, mit dieser Methode zu behandeln (Engagement).
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Ganzheitsmedizinische Kompetenz zeigt sich also im Erfüllungsgrad dieser vier Kriterien: 1. Kognition: Wissen über die spezielle Methode 2. Empirie: längerfristige Erfahrung im Umgang mit einer Technik 3. Intuition: hohes Maß an Gespür, wann welche therapeutische Technik anzuwenden ist 4. Engagement: spezielle Lust und Freude, mit der jeweiligen Methode zu behandeln Je kompetenter (in diesem Sinne) ein ganzheitlicher Therapeut ist, desto mehr kann er mit Kopf, Herz, Gespür und Lust in seiner Arbeit wirken.
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