© Dr. med. Karl Braun-von Gladiß

Zum Begriff der Realität in der Medizin

Gary Zukav: Die tanzenden Wu Li Meister, S. 351

 

Können nicht schon die geplante Sorge, vorher wie nachher, und dann das diagnostische Hineinschauen in ein biologisches System immaterielle Seins-Möglichkeiten zur dinglichen Realität kristallisieren lassen? Von der Warte theoretischer Physik ist diese Frage zu bejahen.

Die Heisenberg’sche Unschärfe-Relation weist auf die Unmöglichkeit hin, materielle Realität wirklich "dingfest" zu machen. Es bleibt immer eine Ungenauigkeit in der Messung des Existenten, die wir mit verfeinerter Meßtechnik zwar verkleinern, aber eine letzte Unschärfe können wir nicht aufheben. Und dies kann sehr entscheidend sein, wie ich im folgenden zeigen will.

Es ist zum Beispiel unmöglich, die Position von Elementarteilchen (z.B. von Elektronen, die um den Atomkern kreisen) exakt zu definieren: Die maximal erreichbare Geschwindigkeit aller uns möglichen Methoden zur Registrierung von Seins-Zuständen bleibt immer unterhalb der Lichtgeschwindigkeit. Andererseits bewegen sich Elementarteilchen mit Lichtgeschwindigkeit, sind also immer schneller als unser Messergebnis.

So können wir nur Gewesenes registrieren, nie aktuell Seiendes. Die materielle Realität wird aber durch die aktuelle Position von Elementarteilchen entscheidend mitbestimmt. Ob diese nach dem Zeitpunkt unserer Messung (sie sind ja "jetzt" nicht mehr dort, wo wir sie vor kurzem als dort gewesen bestimmten) die Umlaufbahn um den Atomkern gerade gewechselt haben oder nicht, kann über Sein oder Nicht-Sein entscheiden.

Erwin Schrödinger (theoretischer Physiker im 20. Jahrhundert) hat dies mit seinem berühmt gewordenen Beispiel von der Katze illustriert: Die in einen Kasten, durch den gelegentlich ein radioaktives Teilchen schießt, gesperrte Katze ist zum Meßzeitpunkt entweder tot oder lebendig, je nachdem ob sich aus der Kastenwand ein radioaktives Partikel gelöst hat oder nicht. Die Berechnung der Realität (tot oder lebendig) ergibt eine 50%ige Wahrscheinlichkeit für tot und eine 50%ige für lebendig. Es hängt von uns ab, ob sie zum Messzeitpunkt tot oder lebendig ist, nämlich davon, wann wir messen (das heißt den Kasten öffnen, um nachzusehen).

Wir hinken der Wirklichkeit also hinterher. Das Dilemma zwischen den sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegenden Elementarteilchen und der langsameren Geschwindigkeit naturwissenschaftlicher Datenerhebung läßt sich nicht aufheben und kann auf unser Thema bezogen als die Unschärfe der Realität betrachtet werden. Erst wenn wir uns über unsere materiellen Grenzen (die wir als vermeintliche einzige Realität meinen zu begreifen) hinaus intuitiv öffnen, und unsere Wahrnehmung durch das nicht-definierbare "Spüren" erweitern, gelangen wir zu trans-realen (jenseits der dinglichen Alltagsrealität liegenden) Erkenntnissen (gewissermaßen zu einer zweite Ebene von "Befund"-Erhebung), die nicht weniger irreal (nicht weniger un-wirklich) sind als unsere Alltagsrealität.

Wissenschaftler brauchen auch dazu eine wissenschaftliche (scheinbar "wissen"schaftliche) Erläuterung. Diese gibt das Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon (Gary Zukav: Die tanzenden Wu-Li-Meister. Der östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik: Vom Quantensprung zum schwarzen Loch. Rororo 1994. ISBN 3-499-17910-5; Seite 319): Zwei weit voneinander entfernte Elementarteilchen (Ein zuvor gemeinsam um einen Atomkern gekreistes Elektronenpaar wurde getrennt und auf diametrale Flugbahnen gebracht. Die beiden Elektronen entfernten sich also mit doppelter Lichtgeschwindigkeit voneinander. Dennoch wich Elektron B spiegelbildlich zu A in dem Augenblick von seiner Bahn ab, in dem Elektron A durch ein Magnetfeld abgelenkt wurde. Woher "weiß" B von der Abweichung seines früheren Partners A? Wie gelangt die Information von A zu B, und zwar mit doppelter Lichtgeschwindigkeit". Ein bisheriges unumstößlich geltendes Axiom lautete, daß es Informationsübermittlung jenseits von Lichtgeschwindigkeit nicht gibt) können aufgrund ihrer gemeinsamen Entstehung in einer engen Beziehung zueinander bleiben und ein Ganzes bilden, ohne daß ein Informationstransfer über die bekannten Wege der Informationsübermittlung möglich ist (Lichtgeschwindigkeitsgrenze). Zwei räumlich separierte Systeme sind in nicht trivialer Weise miteinander korreliert (Heuser, Peter (Hrsg.): "Energetische" Medizin – Gibt es nur physikalische Wirkprinzipien? Lang-Verlag. Bern 1998. ISBN 1422-4763, Seite 118). Dieses experimentelle Ergebnis sprengt die Grenzen materiell orientierter Physik und läßt derzeit keinen anderen Schluß zu, als sei es ein Indiz für die Wirkung telepathischer Phänomene.

Wie auch immer-, man sieht an diesem Beispiel, daß wir das Handicap der Heisenberg’schen Unschärfe von Realität möglicherweise überwinden können, indem wir Informationswege nutzen, die schneller als Lichtgeschwindigkeit sind, und dies sind sui generis (von ihrem Wesen her) transreale (jenseits unserer messbaren Realität liegende), gemeinhin bezeichnen wir sie als intuitive oder telepathische (was wahrscheinlich das gleiche ist). Ja, die Überwindung des Unschärfe-Handicaps versetzt uns sogar in die Lage, auch unsere Alltagsrealität direkt beeinflussen zu können. Und zu dieser gehören auch medizinische Befunde wie Tumorknoten, Röntgenbilder und Laborwerte.

Welch große Endeffekte in der Realität durch mathematisch nach unendlich klein gehenden Abweichungen (Braun-von Gladiß, K.: Das Biologische System Mensch. 1995. Eigenverlag) entstehen, ist heute bekannt und spielt in der theoretischen Mathematik eine sehr große Rolle.

In einem System sind Iterationen (Heuser, Peter (Hrsg.): "Energetische" Medizin – Gibt es nur physikalische Wirkprinzipien? Lang-Verlag. Bern 1998. ISBN 1422-4763, S. 90 und: Peitgen, Heinz-Otto, Jürgens, Hartmut, Saupe, Dietmar: Bausteine des Chaos. Fraktale Geometrie und Chaostheorie. Springer. 1992. ISBN 3-540-55781-4; Seite 24) wiederholte Einspeisungen des Ausgangswertes in den Eingangswert. In einem energetisch offenen System, welches nicht-lineares Verhalten aufweist (und alle biologischen System sind nicht-lineare Systeme) führen bereits geringste auftretende Differenzen (Reize, Störgrößen etc.), sofern sie iteratativ behandelt werden, zu dramatischen Änderungen im Ordnungsmuster. Die "wissenschaftliche" (das heißt sich an Messdaten und an "Befunden" orientierende) Anwendung unserer Realitätsbestimmungen im Denken und Handeln ist ein Musterbeispiel für solche Iterationen: In ein nicht-lineares, biologisches System wird ein letztlich falscher Wert eingespeist, nämlich die zuvor gewesene Elementarteilchenposition (während das Elementarteilchen mittlerweile vielleicht seine Bahn gewechselt hat, Schrödingers Katze mittlerweile also "totgeschossen" ist), nachdem sich die Realität zwischen Messzeitpunkt und Jetzt mit der gleichen Wahrscheinlichkeit entscheidend geändert hat, wie sie gleichgeblieben sein kann. Dieser möglicherweise falsche Eingangswert bestimmt die Systemprozesse. Deren Ausgangswerte verwenden wir wiederum als neue Eingangsinformation (wir bauen auf unserer Überzeugung und unseren wissenschaftlich fundierten Erfahrungen - das heißt, andere – sogenannte nicht "wissen"schaftliche – Erfahrungen klammern wir aus - auf), und so weiter. Das mit dieser iterativen Bearbeitung der Systemprozesse entstehende Ergebnis begreifen wir als Realität. Das einzige, was wir wirklich wissen können, ist, daß die Wahrscheinlichkeit, daß es sich dabei um "objektive" Realität handelt, verschwindend klein ist.

Auch in der Anwendung von Algorhythmen (Rechenaufgabe: Wende wiederholt das Gleiche auf jeden Teil des Systems an - so entstehen aus Strichen allmählich Bienenwaben) zeigen sich die mannigfachen Formentstehungen aus dem quasi-Nichts (das nach den Regeln, mit denen wir Realität üblicherweise betrachten, Nichts ist). Dies heißt, minimale Größen erzeugen in der Wirklichkeit bedeutsame Endergebnisse. Und gleichzeitig heißt dies, daß wir unsere Realität entscheidend durch die konsequente Anwendung minimal erscheinender Veränderungen der Ausgangsbestimmungen beinflussen können, zum Beispiel durch eine Vorstellung oder einen Gedanken, wenn sie nur konsequent (iterativ) ins System eingespeist werden.

Erwin Schrödinger (Gary Zukav: Die tanzenden Wu-Li-Meister. Der östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik: Vom Quantensprung zum schwarzen Loch. Rororo 1994. ISBN 3-499-17910-5 Gribbin, John: Auf der Suche nach Schrödingers Katze - Quantenphysik und Wirklichkeit. Piper. 1984, 1991. ISBN 3-492-11653-2) sprach in den theoretischen Analysen dessen, was wir als Wirklichkeit bezeichnen, von einer Wellengleichung, in der die objektive Wirklichkeit gleich der Gesamtheit aller Möglichkeiten oszillierender Elementarteilchen-Positionen ist. Erst der "Zusammenbruch der Schrödinger’schen Wellengleichung", der durch das Herausgreifen einer einzigen Version aller Möglichkeiten (durch die Bestimmung der Elementarteilchenposition mittels Messung) entsteht, schafft Wirklichkeit, wie wir sie wahrnehmen können.

Die Entscheidung, welche Möglichkeit aus einer Vielzahl derselben ausgewählt wird, ist potentiell beliebig, bestimmt wird sie aber durch die Vorstellungen, mit denen Realität betrachtet wird 

(Das Thema der Realitäts-Betrachtung aus der Sicht theoretischer Physik ist außerordentlich komplex. Es kann und soll hier nur angerissen werden, um zu verdeutlichen, daß es keineswegs selbstverständlich ist, daß materielle Dinge "objektiv" so sind, wie wir meinen, daß sie seien. Wer aber wissenschaftliche Aussagen über die prognostische Bedeutung von "Befunden" machen will, muß sich mit diesen Aspekten auseinandersetzen, wenn er mehr tun will, als Glaubenssätze zu wiederholen).


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