28.11.2000
Dr. med. Karl Braun-v.Gladiß
Kommentierendes Protokoll zu meinen Ausführungen bei der Besprechung
am 23.11.2000 in der Paracelsus Klinik Lustmühle
Ausgangssituation:
Ein engagiertes Mitglied des Lehrkörpers einer renommierten Universität sucht Kontakt zu praktisch tätigen ganzheitsmedizinischen Kollegen, weil an die Schaffung eines neuen Lehrstuhls für Komplementärmedizin im Rahmen vorklinischer Ausbildung der Medizinstudenten gedacht ist.
Sehr geehrter Herr Kollege!
Danke für das Gespräch über die geplante Errichtung eines Lehrstuhls für Komplementärmedizin im Rahmen der vorklinischen Ausbildung der Medizinstudenten an Ihrer Universität. Ich habe dabei ja die Vorstellung, der sogenannten Komplementärmedizin lägen keine wissenschaftlichen Fundamente zugrunde, vielmehr handele es sich um rational nicht begründbare Empirie, nicht unwidersprochen stehen lassen können.
Ich wünsche Ihrem Vorhaben viel Erfolg. Über eine Rückmeldung zur weiteren Entwicklung würde ich mich freuen.
Lassen Sie mich einen weiteren, im Gespräch nicht thematisierten, Punkt kritisch anmerken: Der Begriff "Komplementär"medizin als Kennzeichnung "Biologischer Medizin" / "Naturheilkunde" / "Ganzheitliche Medizin" mißfällt uns sehr. Er ist in sich abwertend und impliziert eine Vorrangstellung der Nicht-Komplementärmedizin gegenüber der komplementären, die als Adjuvans zur Komplettierung der "eigentlichen" Medizin gesehen wird. Wir betrachten es demgegenüber umgekehrt.
Die Bedeutung der Schulmedizin für die Behandlung akuter Erkrankungen ist unbestritten. Solange sie den größten Teil chronischer Erkrankungen ätiologisch aber als "idiopathisch" oder "essentiell" bezeichnet und therapeutisch wenig mehr als eine Suppression der Symptomatik anbietet, kann sie den Anspruch der "eigentlichen" Medizin nicht länger aufrechterhalten. Schleichende Infektreaktionen gegenüber lymphoneurotropen Viren und Bakterien(Slow-Virus- und slow-bacterial-Diseases), toxikogene und neuro-musculo-fasciale Dystonien, polyvalente und ätiologisch nicht faßbare, oft umweltbedingte, Schädigungen der Komponenten des Psycho-Neuro-Immunologischen Systems, Milieudysbalancen und die Zunahme von Immundefizienzen und Malignomen sind nur wenig Beispiele für neue pathologische Entitäten, die uns Ärzten im Kleid von Krankheiten wie CFS (chronic fatigue Syndrom), MCD (multiple chemical disorder), Allergien, polyvalenten Hypersenbilitäten, neurovegetativen Dystonien u.v.a.m. begegnen.
Es handelt sich um Komplexerscheinungen des biologischen Systems, die pathophysiologisch nur über wechselwirkende Interaktionen und Synergismen erklärt werden können. Dementsprechend erfordert ihre Behandlung ein multifaktorielles (und sui generis eben nicht symptomorientertes) Vorgehen. Eben die Suppression der Symptomatik mit Antimitteln ist aber "Stand der Wissenschaft" der offiziellen Medizin. Dieser offenbart deren therapeutische Hilflosigkeit gegenüber moltimorbiden vernetzt-wechselwirkenden chronischen Problemen ebenso, wie er seine Wurzeln in einer insuffizienten Pathophysiologie nicht länger verbergen kann. Solange die therapeutische Hilflosigkeit der Schulmedizin gegenüber dem größeren Teil der Gesundheitsprobleme in der Bevölkerung fortbesteht und sich nicht zuletzt eben deshalb eine effektivere Alternative etabliert (biologische Medizin), muß ernsthaft gefragt werden, welche Richtung "komplementär" zur "eigentlichen" Medizin steht.
Soweit ist die Vorbemerkung zur Nomenklatur abzuschließen, und ich kann Ihnen meine im Rahmen unseres Arbeitsgesprächs geäußerten Ausführungen protokollieren:
Warum die kontroverse Kennzeichnung der konventionellen Medizin (Schulmedizin) als "wissenschaftlich" einerseits und der empirischen Medizin (Komplementärmedizin) als nicht-begründbar (irrational) andererseits falsch ist, sei im folgenden wissenschaftstheoretisch dargestellt:
Lebewesen sind hoch organisierte Strukturen jenseits des thermodynamischen Gleichgewichtes. Sie verfügen über einen hohen Grad an Selbstregulation und vermindern bei der Konfrontation mit externen Reizen das Niveau ihrer Entropie. Mathematisch gesehen ist das Spektrum der Zustände in biologischen Systemen bestimmt durch unendlich viele Eigenwerte. Sie werden als nach außen offene deterministisch-chaotische Systeme betrachtet, deren Reaktionen Interferenzprodukte zwischen immanenten Determinanten und externen Impulsen sind, die somit ohne kybernetisch orientierte Analyse der endogenen und exogenen Faktoren weder pathophysiologisch adäquat verstanden noch zielgerichtet therapiert werden können.
Wissenschaftstheoretisch ergibt sich zwingend, daß eine Erweiterung bisheriger medizinischer Pathophysiologie überfällig ist. Die Begründung dafür gebe ich in der Erörterung iterativer Prozesse in Punkt 12 und dem Modell der kritischen Labilität biologischer Systeme in Punkt 14 der unten aufgelisteten "Bestandteile einer neuen pathophysiologischen Konzeption" der Medizin.
Aus dieser grundsätzlichen Betrachtung ergeben sich wissenschaftstheoretisch zwei unterschiedliche pathophysiologische Orientierungen:
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Bestandteil einer "komplementärmedizinischen" Pathophysiologie müssen unter anderem folgende Punkte sein:
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